Es ändert sich nichts – eine Polemik

es wiederholt sich alles.
das was jetzt von konservativer und rechtsextremer seite betrieben wird gab es alles schon einmal und es ist verdammt nochmal wichtig jetzt die stimme zu erheben.
im winter 1958 schrieb ulrike meinhof in „david – blätter der studentischen linken“ „der führerkult findet seinen ausdruck nicht mehr in reinen massenovationen mit fanfaren und marschmusik, sondern im vertrauen auf den einsamen weg des kanzlers (adenauer), der in seiner patriarchalischen güte alles zum besten wenden wird. der osten wird nicht mehr in gestalt des slawischen untermenschen verhetzt, sondern in gestalt des bösen schlechthin; der deutsche mensch wird nicht mehr als germanische herrenrasse vergötzt, sondern als ‚hüter des christlichen abendlandes‘, und die welt wird nicht mehr durch das ‚deutsche wesen‘, sonder durch die deutsche mark gerettet“
adenauer, der eher beim rosenzüchten hätte bleiben sollen baute sich seinen staat mithilfe vieler „verdienter“ nazis auf.
diese nazis, adenauer und konsorten sind mittlerweile zum glück tot und in der erde vergammelt. das erbe ebenjener politik lebt weiter.
die deutschen sind obrigkeitshörig wie eh und je. wenn der innenminister bestimmt, dass alles links von ihm böse ist wird es akzeptiert.
wenn sich widerstand erhebt wird dieser sofort von großen teilen der bevölkerung als spinner diffamiert. wenn dieser widerstand seine, durch die verfassung garantierten, rechte zum protest wahrnimmt, wird er verurteilt, es werden drakonische strafen für jedes brennende auto, jede fliegende flasche gefordert.
wenn die freiheit des einzelnen immer weiter eingeschränkt wird im namen des „kampfes gegen den terror“, wenn telefone abgehört, wohnungen durchsucht und nachrichten mitgelesen werden, wird es achselzuckend hingenommen.
“ mir egal, ich habe nichts zu verbergen“ hört man immer wieder von denen, die die staatssicherheit der ddr als das größte übel der jüngeren geschichte ansehen.
es hat sich nichts geändert, seit 1958, ja eigentlich seit 1871, als dieses gebilde namens deutschland ins leben gerufen wurde, lediglich die namen und das personal änderten sich.
im hochnationalistischen kaiserreich galt deutschland über alles, in der ersten republik wurde jeder versuch eine offene, solidarische gesellschaft zu etablieren blutig niedergeschlagen. über den nationalsozialismus brauchen wir an dieser stelle nicht reden.
in der nachkriegs brd wurden die alten „kampfgenossen“ eingeladen einen neuen staat aufzubauen, in der späteren ddr regierte eiskalter stalinismus bis zum erstarken von chruschtschow, die überwachung und repression blieb bis 1989 bestehen.
in der brd der siebziger jahre, nach adenauer und erhardt, als die menschen einsehen mussten, dass auch ein von amerika subventioniertes wirtschaftswunder nicht ewig hält wurde jeder widerstand bekämpft, auch wenn der antikommunismus früherer jahre etwas abschwächte und ein gewisser herr strauß keine Probleme darin sah in eine koalition mit der npd einzutreten.
in zeiten des linken terrors durch die ‚bewegung 2. juni‘ und ‚raf‘ fand die repression gegen alles vermeintlich linke einen neuen höhepunkt.
nach dem fall der mauer und im zuge der wiedervereinigung befand sich die republik in großem jubeltaumel, und nebenbei mordeten neonazis auf offener straße, richteten in lichtenhagen, mölln und solingen progrome aus, ohne das es ernsthaftere konsequenzen gegeben hat. deutschland über alles.
verfassungsschutz, polizei und zuständige behörden sahen zu oder unterstützten eben jene rechtsextremen kräfte in ihrem kampf gegen „chaoten“ und „störenfriede“.
das große vertuschen und verdrängen ging in die nächste runde. als das neue jahrtausend anbrach fühlte sich deutschland mal wieder auf dem höhepunkt.
durch interventionen der roten armee und später der amerikaner in weiten teilen des nahen ostens und speziell in afghanistan bildete sich das was wir heute als islamistischen terror kennen. zuerst die al quaida, die später für die anschläge in new york und washington traurige berühmtheit erlangten und später der islamische staat, der auch begünstigt durch einsätze der bundeswehr seine selbstberechtigung fand.
dieser islamistische terror ist nun gewissermaßen wieder einmal berechtigung für die politik, in deutschland freiheiten einzuschränken und jegliche opposition zu bekämpfen, auch wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. und wieder wird es von weiten teilen der bevölkerung begrüßt.
von linker seite ins leben gerufene projekte sind auf einmal genauso schlimm und böse wie jede form der muslimischen glaubensausübung und selbstverständlich auch wie islamistischer terrorismus.
als immer mehr menschen ihre heimat verließen, weil krieg und terror, von deutscher seite mitfinanziert, sie dazu zwangen gingen erstmals wieder seit jahren viele menschen auf die straße. aber nicht um die regierung auf ihr fehlverhalten in sachen fluchtursachen hinzuweisen, sondern um flüchtlingen das leben noch schwerer zu machen.
der deutschen hässlichste fratze in form von fremdenfeindlichkeit und hass trat wieder einmal unverblümt nach aussen.
es ist noch nicht allzulange her, dass eben jene form der deutschen überheblichkeit die welt zu zwei unbeschreiblichen kriegen zwang. es ist nicht allzulange her, dass jede form linker protestbewegungen in deutschland aus der position des kanzlers bekämpft wurden.
und wir stehen kurz davor, dass all das sich wiederholt. ulrike meinhof hatte angst, dass ihre kinder und enkel sie fragen würden warum nichts gegen strauß unternommen wurde, so wie ihre eltern sich die frage gefallen lassen mussten warum nichts gegen hitler gemacht wurde.
ich möchte nicht eines tages von meiner tochter gefragt werden, wie es dazu kommen konnte, dass sich geschichte so deutlich wiederholt, warum nichts gegen die afd unternimmen wurde.

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Amélie

Es war ein warmer Freitag im August, zwei Tage nach ihrem sechzehnten Geburtstag, als sie der Enge entfliehen musste, die sie in ihrem Elternhaus umgab. Sie fühlte, dass es so nicht weiter gehen konnte in ihrem Leben. Als sie ihren Rucksack gepackt hatte und in der Mitte ihres Zimmers stand um sich noch einmal umzusehen, schwang die Türe auf und ihre Mutter stand vor ihr. Gott wie sehr Amélie es hasste, wenn sie einfach so, ohne wenigstens anzuklopfen, ihr kleines Reich erstürmte, doch auch damit sollte es ja nun bald vorbei sein. Sie warfen sich eisige, durchbohrende Blicke zu, doch gerade als ihre Mutter zu einem erneuten, verbalen Rundumschlag ansetzen wollte, griff Amélie sich ihren Rucksack, stürmte an ihrer Mutter vorbei und Sekunden später war nur noch das Zuschlagen der schweren Haustür zu hören. Endlich frei, dachte sie sich, als sie die Straße hinunter lief, endlich frei. Amélie wusste zwar nicht genau wohin sie wollte, sie wusste nur, dass es so wie es war nicht hätte weitergehen können. Bei ihren Eltern, das wusste sie, hätte sie nicht mehr lange durchgehalten, dafür kam sie einfach zu wenig klar, mit der beengten Spießigkeit, den krampfhaften versuchen ihrer Eltern, vor den Nachbarn das Bild der harmonischen Familie in der Vorstadt aufrechtzuerhalten.
Sie lief schneller und schneller, bis sie beim Bahnhof angekommen war, löste sich ein Ticket und ließ sich mit einem tiefen Seufzer in den Sitz des Zuges fallen, der sie in ein neues Leben bringen sollte und würde.
Gedanken schossen ihr wie Projektile durch den Kopf. Wohin? Was tun? Hört dein Plan jetzt schon auf? Seit Jahren träumte sie von diesem einen Moment, dem Moment in dem sie sie sein konnte. Als sich der Zug in Bewegung setzte spürte sie wie eine Last von ihren Schultern fiel. Bald würde sie in der Stadt sein, dem Ort vor dem sie ständig gewarnt wurde, dem Ort der von ihren Eltern so sehr verteufelt wurde, dem Ort, von dem sie sich so sehr viel erhoffte.
Sie war sich unsicher, als der Zug am Hauptbahnhof hielt, was sie tun sollte, doch wich diese Unsicherheit recht schnell der Neugier. Als sie aus dem Zug ausstieg, Schwang ihr eine Welle Stickiger und Schwüler Luft entgegen, vermischt mit Gerüchen aus einem nahe gelegenem Imbiss und der sich direkt daneben befindlichen Toilette. Es war ein heißer Tag und die Sonne strahlte vom Himmel als sie aus der Bahnhofshalle ins Freie trat. Die Luft flimmerte über der Straße und es roch nach Abgasen, der vorbeifahrenden LKW. Amélie schaute sich um und entdeckte einen kleinen Parkplatz mit einem Baum und einer maroden Parkbank. Es zog sie an diese kleine Oase inmitten der Hitze der Großstadt. Als sie sich gesetzt hatte fiel ihr Blick auf die Unmengen an benutzten Spritzen, Zigarettenstummeln, Scherben und leeren Bierdosen. Als sie ihren Kopf wieder hob, sah sie in die Augen eines Mannes mit langen, ungepflegten Haaren, einem Mantel der wohl mal beige gewesen sein mochte, nun aber eindeutige Flecken hatte und eher grün war. Sie sah seine blitzenden Augen, während er sie zahnlos angrinste. Sein Atem schlug ihr entgegen, eine Vermischung von Alkohol, kaltem Schweiß, Urin und fauligem Gestank. War das nun die Welt in welche sie fliehen wollte? Der Mann stammelte irgendwelche unverständlichen Worte und Amélie merkte, dass ihr schlecht wurde und sie sich übergeben müsste, wenn sie noch weiter vor ihm sitzen würde. Sie stand auf und lief weg.
Der Mann sah sie verständnisvoll an und sagte, dass er das für sie regeln könnte. Er habe genug Platz zu Hause und für eine Nacht könne sie bei ihm bleiben. Amélie flogen all die Gedanken durch den Kopf, man dürfe nicht mit Fremden mitgehen und sie erinnerte sich all der Horrorszenarien, von denen sie gehört hatte, doch war es ihr egal und sie ging bereitwillig mit.
Sie fuhren ein Paar Stationen mit der U-Bahn und als sie ausstiegen und die Treppe nach oben gingen dämmerte es bereits. Doch war es immer noch verdammt heiß. Als sie aus dem U-Bahnschacht ins Freie traten, sah Amélie nur Hochhäuser um sich herum und Hörte die stimmen der Menschen die an ihnen vorbei drängten, die in einer ihr fremden Sprache sprachen. Irgendwie wurde ihr Mulmig zumute, doch sie ließ sich weiter von dem Mann weiter in Richtung einem der Hochhäuser ziehen. Schließlich angekommen schloss er die Tür auf und sie gingen hinein. Im Flur war es Drückend warm, der Putz blätterte von den Wänden, die Aufzugtür war mit Graffiti beschmiert und die Knöpfe waren angekokelt. In einer Ecke des Flures, unter den unzähligen Briefkästen war eine Pfütze auszumachen und Amélie wollte sich nicht vorstellen was das sein könnte. Der Mann, dessen Namen sie immer noch nicht wusste, ging in Richtung der Treppe und nuschelte, dass der Fahrstuhl kaputt sei. Also gingen sie die Stufen hinauf bis in den dritten Stock. Der Mann schloss wiederum eine der Wohnungstüren auf und schob Amélie hinein, so schnell, dass sie nicht lesen konnte welcher Name neben der Klingel stand. Die Tür fiel ins Schloss und Dunkelheit umgab sie. Es roch merkwürdig. Ein Geruch wie sie ihn nie zuvor gerochen hatte. Unbekannt aber nicht schlecht.
Sie wurde weiter in die Wohnung gedrückt, durch einen kurzen Flur in ein düsteres Wohnzimmer. Es hatte einen dunkelbraunen Teppich, eine dunkle Tapete, keine Bilder an den Wänden und die Jalousien waren herunter gelassen. Amélie konnte in einer Ecke eine schwere Ledercouch ausmachen in einer anderen Ecke stand irgendwas großes, Gerüstartiges, was aber schwer zu erkennen war, da es durch ein schwarzes Tuch verhüllt wurde. Der Mann bedeutete ihr sich aufs Sofa zu setzen, einer Deutung, die keinen Widerspruch duldete und welcher sie sofort nach kam. Während sie sich nun in die Kissen fallen ließ, wusste sie instinktiv dass sie einen Fehler begangen hatte, aber genauso gut auch, dass es nun kein zurück mehr gab. Er stellte sich vor sie, doch sein Gesicht blieb im Schatten verborgen, und fragte sie was sie denn jetzt haben wolle. Da sie nicht recht wusste, was er nun von ihr wollte und sie wohl auch ziemlich fragend dreinschaute fragte er sie erneut, doch dieses mal etwas aggressiver. Amélie bekam Angst. Was sollte sie tun, wie hier wieder raus kommen? Sie sagte ihn, dass sie es nicht wisse, dass sie ja schließlich keinerlei Erfahrung in diesen Dingen hatte.
Er sagte, dass er gleich zurück sei und verschwand hinter einer Tür, vermutlich in der Küche, denn Amélie hörte Gläser klappern. Kurz darauf war er zurück und hielt zwei Gläser mit einer klaren Flüssigkeit in den Händen und sagte, sie sollte erst mal etwas trinken, nach all der Aufregung. Seine Stimme hatte einen fast zärtlichen, väterlichen Ton. Ihr schossen Horrorgeschichten in den Kopf die sie gehört hatte, von Mädchen die in der Disko K.O. Tropfen in Getränken hatte und dergleichen, doch hatte sie auch zu viel Angst das angebotene zu verweigern, also Trank sie. Ihr Hals brannte und kurz verspürte sie einen Würgereiz, der jedoch schnell wieder verging. Dann fragte er erneut, was sie denn haben wolle, doch wieder wusste sie nicht, was sie wollte, sagen sollte. Sie merkte, dass sie stotterte und zögerlich sprach, was ihn anscheinend anmachte, denn er setzte sich neben sie und sie konnte seinen Atem auf ihrer Haut spüren, als sie ihm sagte dass sie nicht genau wüsste, was es gäbe und sie irgendwas wollte um einfach erst mal allem entfliehen zu können. Er schenkte ihr nach aus einer Flasche ohne Etikett, die er scheinbar aus dem Nichts hervor gezaubert hatte. Sie trank. Diesmal ohne Würgereiz.
Als sie wieder aufwachte wusste sie nicht wo sie war. Sie versuchte ihre Arme zu bewegen doch es ging nicht. Genauso wenig wie ihre Beine. Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen an das Dunkel um sie herum gewöhnt hatten, da fiel ihr wieder ein was sie gemacht hatte, wo sie sich befand. Sie versuchte ihren Kopf zu drehen, doch auch das war ihr nicht möglich. Sie atmete Schneller und Schweiß lief ihr über die Stirn. Irgendetwas befand sich in ihrem Mund, etwas hartes, rundes. Vielleicht ein Tischtennisball oder so dachte sie. Sie ließ ihre Augen durch den dunklen Raum schweifen, versuchte sich zu orientieren. Dort war die Ledercouch auf der sie gesessen hatte. Davor lag ein Haufen Stoff. Ihre Klamotten. Panik überkam sie, doch als sie versuchte zu schreien, kam kein Ton über ihre Lippen weil der Knebel alles erstickte. Sie fühlte etwas warmes an ihrem Bein hinunter laufen, als ihre Blase nachgab. Dann hörte sie seine Stimme, fragend, ob seine Prinzessin wieder wach sei. Seine Prinzessin, soweit ist es nun schon, schoss es ihr durch den Kopf. Sie Fühlte Hände an ihrem Hinterkopf und er sagte ihr, dass er jetzt den Knebel entfernen würde, wenn sie nur ruhig blieb. Sie wusste jetzt, dass sie in dem Gerüst gefesselt war, welches sich zuvor noch unter dem Tuch befunden hatte. Wie spät war es? Wie lange war sie Bewusstlos gewesen? Was hatte er mit ihr angestellt? Langsam kam das Gefühl in ihrem Körper wieder zurück. Sie Spürte etwas hartes in ihrem Nacken, die Fesseln an Hand- und Fußgelenken, Durch wie von einer Schraubzwinge an ihren Schläfen. Druck an der Stirn. Er hatte ihr einen Zopf gemacht. Sie versuchte sich zu entspannen doch ihr Körper blieb einfach stehen. Dann fühlte sie, wie ihr der Knebel aus dem Mund rutschte. Sie wagte nicht zu sprechen. Dann Hörte sie ein Klicken und merkte, dass der Druck in ihrem Nacken stärker wurde. Sie stöhnte leise. Er sagte, dass ihm gefalle wie sie stöhnte, doch das bekam sie nur halbwegs mit, zu groß war ihre Angst. Bitte Töte mich einfach dachte sie, doch das wäre zu leicht und zu unspektakulär für ihn. Er wollte sie leiden sehen, seine Macht ausspielen, sie zum schreien bringen und sie für die Schreie bestrafen. Wieder hörte sie etwas Klicken, doch diesmal tiefer unten als das letzte mal und sie Spürte etwas kaltes, hartes, metallenes, das sich langsam aber bestimmt und immer weiter an ihrem Hintern bewegte, bis sie schließlich Aufschrie, weil sie es in sich spürte. Lachen. Dann ein Schlag ins Gesicht und der Befehl still zu sein. Wieder Fühlte sie etwas an ihrem Bein herunter laufen, doch sie war sich nicht sicher was es war, doch bekam sogleich die Antwort von ihm, dass es Blut sei und das gut für sie, schließlich wäre das ein gutes Gleitmittel. Sie schloss die Augen dann Fühlte sie etwas an ihren Lippen. Die kalte Kante eines Glases und wieder irgendeine Flüssigkeit in ihrem Mund. Diesmal jedoch brannte es nicht im Hals als sie es herunter schluckte. Stille. Dunkelheit.
Als sie wiederum erwachte war ihr Kalt und ihr Kopf dröhnte. Sie öffnete die Augen und sah die Blätter eines Baumes im gelblichen Licht einer Straßenlaterne. Amélie dachte zu träumen, bewegte ihre Arme und Beine. Keine Fesseln mehr die sie hielten. Kein dunkler Raum, kein Atmen einer anderen Person, dafür entfernte Geräusche von Autos und das Quietschen einer Bahn. Sie versuchte Mühsam sich aufzurichten und es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, biss sie schließlich saß und sich umsehen konnte. Vor sich sah sie ein Klettergerüst mit einer Rutsche, das von Sand umgeben war. Darum Standen Bäume, wie der unter dem sie sich befand. Ein Spielplatz, in einem Kleinen Park oder so. Dann sah sie ein Stück weiter die Scheinwerfer von Autos, die eine Straße langsam entlang fuhren, dahinter Einfamilienhäuser. Sie versuchte aufzustehen, doch die Schmerzen in ihrem Unterleib waren zu stark und sie legte sich wieder hin. Langsam kamen auch die Erinnerungen zurück. Es war nicht das erste mal dass sie Aufwachte. Nein, sie war schon vorher ein Paar Mal erwacht. In der Wohnung. Immer gefesselt. Sie erinnerte sich an den Schein der Kerze, deren Wachs ihr auf den Körper getropft war, an Schläge, das Seil was ihr die Brust abschnürte, die Metallenen Gegenstände die sich in sämtlichen ihrer Körperöffnungen befunden hatten, Die Spritze mit Brei, mit der sie gefüttert worden war. Und sein Lachen. Wie lange war sie bei ihm gewesen? Wie war sie in diesen Park gekommen? Sie erinnerte sich an ihre Eltern und schließlich liefen ihr bei diesen Gedanken Tränen über das Gesicht.
Es wurde heller am Himmel und die Autos auf der Straße wurden mehr. Wieder versuchte sie aufzustehen und diesmal gelang es ihr auch. Sie wankte ein Paar Schritte zu einer Bank und ließ sich langsam auf sie nieder senken. Trotz der morgendlichen Kühle die sie umgab schwitzte sie. Sie fühlte das feuchte, kalte Holz an ihren Beinen. Amélie fuhr sich mit der Hand über ihren pochenden Kopf. Wo waren ihre langen Haare? Sie erfühlte etwa zwei Zentimeter lange Haare wo einst ihr langer Zopf war. Sie sah sich weiter um, die Sonne stieg höher am Himmel. Es Kam ihr vor wie gestern, dass sie abgehauen war und doch färbten sich die ersten Blätter an den Bäumen. Die Sonne blendete sie, als sie erneut Aufstand und langsam in Richtung der Bahngeräusche ging.
Sie vergrub ihre Hände in ihren Jackentaschen und Fühlte dass in der einen Geld war. Sie zog sie heraus und hielt einige Münzen sowie drei 50 Euro Scheine in der Hand. Woher Kam das Geld? Doch sie verwarf diesen Gedanken schnell wieder, denn während sie weiterging wurden auch die Geräusche der Bahn lauter, bis sie schließlich vor einem U-Bahnhof Stand. Sie war offenbar noch in der gleichen Stadt, doch am anderen Ende, wie sie dem Netzplan entnehmen konnte. Amélie löste sich eine Fahrkarte und für mit dem Nächsten Zug Richtung Hauptbahnhof. Dort angekommen Schlug ihr der fast schon vertraute Geruch entgegen, den sie bei ihrer ersten Begegnung schon in der Nase hatte. Als sie ausstieg, stand sie vor einem geschlossenem Kiosk, in dessen Scheibe sie sich zum ersten Mal wieder wie in einem Spiegel sah. Bis auf ihre Haare und dass sie etwas dünner war, sah sie so aus wie immer. Keine wunden im Gesicht, aus denen sie ihr Blut geschmeckt hatte, nicht einmal ein blauer Fleck war zu sehen. Offenbar hatte ihr Peiniger sie noch länger gefangen gehalten, ihr aber nichts mehr getan, was Verletzungen hervorgerufen hätte, oder sie gar gepflegt.
Und wieder einmal stand sie an der gleichen Stelle, wusste nicht was noch wohin. Sie verließ den Bahnhof, wie bei ihrem ersten Besuch und setzte sich wieder auf die Bank unter dem alten Baum. Auch hier hatte sich kaum etwas verändert. Sollte sie nach Hause fahren? Ihren Eltern alles erzählen? Die würden ihr doch niemals glauben dachte sie. Vielleicht suchte auch die Polizei nach ihr, doch sah sie ja schon einigermaßen verändert aus, sodass die sie bestimmt nicht erkennen würden. Das war ihre Chance dachte sie, ein wirklich neues Leben zu beginnen. Schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte sie, schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und genoss die warmen Stahlen der Herbstsonne auf ihrem Gesicht.
Nach einigen Minuten Öffnete sie die Augen, weil Stimmen näher gekommen waren. Vor ihr standen zwei Männer, einer groß gewachsen und Kräftig, mit Blonden kurzen Haaren und einem Trainingsanzug bekleidet, der andere etwas kleiner, mit einem abgerissenen Parka, langen ungepflegten, teilweise verfilzten Haaren und einem Bart. Sie unterhielten sich angeregt und scheinen Amélie gar nicht zu beachten. Der große redete auf den kleinen ein, irgendwas von Geld und Zeug. Sie schloss wieder die Augen und fühlte sich im Kopf seltsam befreit, genoss einfach nur das Dasein und die Sonne. Dann merkte sie plötzlich, dass sich jemand neben sie setzte. Sie Öffnete die Augen und sah, dass es der Blonde war, der sie nun freundlich ansah und sie Fragte ob sie etwas bräuchte. Sie fühlte sich an das letzte Mal erinnert als sie hier saß und ihr Herz blieb fast stehen. Der Mann fragte ob sie Methaddict wolle, er könne ihr was besorgen zu sechs Euro pro Pille. Was soll’s dachte sie, warum nicht? Sie hatte zwar keine Ahnung um was es ging, aber sie hatte ja Geld und warum sollte es schlecht sein. Amélie verlangte drei Stück und der Unbekannte meinte dass sie warten solle, er sei in zehn Minuten wieder zurück. Er verschwand Richtung Bahnhof und sie lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen.
Es wunderte sie etwas, dass sie trotz Allem, was ihr widerfahren war, so ruhig war, aber dann erinnerte sie sich an eine Aufnahme im Fernsehen, die gezeigt hatte, wie ein Mann von einem Auto überfahren und danach aufgestanden und weggelaufen war. Begründet hatte der Sprecher das mit dem Adrenalinschub im Körper. Vielleicht war das bei ihr ähnlich, dachte sie.
Nach der versprochen Zeit war der Mann zurück, die gab ihm das Geld und er ihr die Pillen. Original verpackt. Dann ging er seiner Wege und Amélie blieb noch einen Moment sitzen, bis auch sie aufstand und in den Bahnhof ging, sie hatte Durst. In einem kleinen Kiosk kaufte sie sich eine Flasche Wasser und verließ den Bahnhof wieder in die Andere Richtung als sie ihn betreten hatte. Sie befand sich am Anfang einer breiten Fußgängerzone, die viele teure Geschäfte und Boutiquen säumten. Sie ging diese Straße etwas entlang, Schaute in die Fenster der Läden, bis sie an eine weitere Bank kam und sich setzte. Sie wollte eine der Pillen probieren, drückte sie aus dem Blister und spülte sie mit Wasser herunter. Amélie erwartete Sofort eine Wirkung, wie sie es von der Flüssigkeit des anderen Mannes kannte doch nichts passierte. Also stand sie auf und ging weiter die Einkaufsstraße entlang, die sich langsam mit immer mehr Menschen füllte, die einkauften, sich um sich kümmerten und sie gar nicht weiter beachteten. Auch nicht, als sie kreidebleich wurde, auf die Knie Sank und sich in hohen Bogen erbrach. Scheinbar war es das normalste der Welt. Amélie wischte sich den Schweiß von der Stirn und erbrach sich erneut. Sie wusste nicht was los war doch im nächsten Augenblick fühlte sie sich wie in einer Eihülle, wie in Watte gepackt, wie im Himmel. Dieses Gefühl musste es sein, das war es was sie wollte. Sie kam sich vor als träumte sie, als ging sie auf Wolken, nachdem sie wieder aufgestanden war als wäre nichts gewesen und weiter durch die Straße spazierte. Langsam verzog sich der Schweiß von ihrer Stirn, ihr Hals beruhigte sich und auch ihr Magen war wieder im Normalmodus. Sie bewegte ihre Hände und es kam ihr kurz vor als wären sie nicht teil ihres Körpers und dass sie sie schneller bewegte, als ihr Gehirn den Befehl dazu verarbeiten konnte. Die Welt flog an ihr vorbei wie in Zeitlupe und sie fühlte sich unangreifbar, stark und geborgen. Nichts konnte ihr etwas anhaben, keine Gedanken, keine Erinnerungen und erst recht keine anderen Menschen. Sie Fühlte eine Hand auf ihrer Schulter, drehte sich langsam um und sah in das Gesicht eines Mädchens.
Sie war ungefähr so alt wie Amélie, hatte rot gefärbte Haare, trug einen grünen Parka und einen schwarz-weißen Schal. Sie stellte sich ihr als Marie vor und fragte ob alles in Ordnung sei, da sie gesehen hatte, wie Amélie sie erbrochen hatte. Marie hatte große braune Augen und sah in das ausdruckslose Gesicht mit den Abwesenden grünen Augen Ameliés, die ihr versicherte, dass alles gut sei. Marie fragte nochmal nach ob sie sich sicher sei, was Amélie etwas genervt bejahte, sich umdrehte und wegging und Marie allein stehen ließ.
Es dämmerte bereits, als Amélie nach all dem Spazieren durch die Stadt Hunger bekam und sich an einer kleinen Bude einen Döner holte. Während sie weiterging und Aß merkte sie, dass sie Müde wurde vom gehen und setzte sich schließlich auf die Treppe vor einem Hauseingang und war auch sofort eingeschlafen. Sie schlief so tief und Fest wie kaum jemals zuvor und wachte erst wieder auf, als sie durch das lärmen eines Müllwagens geweckt wurde. Die Sonne war bereits aufgegangen doch war ihr schrecklich kalt. Sie fühlte sich schwach und matt, trotz des guten Schlafes, aber dann erinnerte sie sich an das Methaddict in ihrer Jackentasche, nahm eine der Tabletten und nach einiger Zeit ging es ihr wieder besser und besser, bis sich schließlich wieder das Gefühl des Vortages einstellte, dass sie unangreifbar war. Auch übergab sie sich diesmal nicht nochmal Sie dachte nach, was sie jetzt tun sollte, ging aber erstmal in eine Bäckerei um sich ein Brötchen zu kaufen. Auf dem Bäckerei Tresen lag eine Tageszeitung, die ihr verkündete, dass es der sechste Oktober war. Also war sie fast zwei Monate gefangen gewesen dachte sie, der Gedanke irritierte oder verstörte oder interessierte sie aber nicht weiter und so schnell er gekommen war, verschwand er auch wieder. Als sie ihr Frühstück aufgegessen hatte, kam sie an einer Kneipe vorbei, aus der laute Musik und viele Stimmen drangen. „24 Stunden offen“ stand an der offenen Tür. Ein Vorhang verbarg den Blick nach innen, doch Amélie war neugierig, wer wohl so früh am Tag dort in dieser Kneipe war und wie ein solches Lokal wohl aussah von innen, also schob sie den Vorhang beiseite und trat ein.
Der Gastraum war dunkel und nur von einigen wenigen Lampen an den Wänden erleuchtet. Die einzigen zwei wirklich hellen Lichter waren die Jukebox, aus der Punkrock dröhnte und eine Lampe am Tresen. An den Tischen saßen und Standen einige Männer und Frauen, mit bunten Haaren und vier Jungs mit kahlgeschorenen Köpfen, Jeans und schweren Stiefeln standen um einen Kickertisch, spielten und unterhielten sich dabei sehr laut. Alle anwesenden hatten kleine Bierflaschen vor sich, scheinbar war dies das einzige zu erhaltende Getränk hier. Amélie ging an den Tresen und setzte sich auf einen freien Barhocker. Hinter der Bar stand eine Frau mit braunen Haaren und einem Gepunkteten Kleid, wie Amélie es aus Filmen kannte, die in der Fünfziger Jahren spielten. Die Frau fragte, was sie gern trinken würde und sie bestellte sich ebenfalls ein Bier, wie alle anderen es auch tranken. Sie sah den Jungs beim Kicker spielen zu und bestellte bald ein zweites und ein drittes Bier. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass sich jemand neben sie setzte, doch nicht wer es war, bis sie ein Tippen auf ihrer Schulter spürte und die Frage ob sie neues Zeug brauchte. Es war der Mann, der ihr am Vortag schon was verkauft hatte. Amélie überlegte nicht lange und bestellte wieder drei Tabletten bei ihm. Diesmal hatte er sie gleich dabei und gab sie ihr. Er fragte ob sie noch Pep wolle und auch da willigte sie ein ohne eigentlich zu wissen, was sie kaufte. Aber, so dachte sie, konnte auch das nicht schlecht sein. Sie gab ihm Geld und er ihr ein kleines Tütchen mit weißem Pulver, Dann sah er sich noch einmal in der Kneipe um und verschwand wieder. Amélie ging auf die Toilette und versuchte sich auf dem Klodeckel eine Line zu legen, wie sie es im Fernsehen gesehen hatte. Allerdings hatte sie weder eine EC-Karte, noch einen Ausweis oder etwas anderes, was sie dazu hätte benutzen können. Doch dann dachte sie, dass sie das Zeug bestimmt auch schlucken könnte. Sie gab sich etwas auf die Hand und leckte das bitter schmeckende Pulver ab. Dann ging sie zurück in die Kneipe und setzte sich wieder an den Tresen und bestellte ein neues Bier. Nach einiger Zeit spürte sie, dass ihre Hände kribbelten und dann das Gefühl aus ihren Fingerspitzen wich. Gleichzeitig merkte sie, dass ihre anderen Sinne, ihre Augen und Ohren viel stärker wurden. Ihr wurde warm und sie knirschte mit den Zähnen. Sie fühlte, dass sich jeder Muskel in ihrem Körper anspannte, sie Fühlte sich stärker als zuvor, weg War die Wattewelt um sie herum, stattdessen dachte sie, dass sie jede Bewegung in doppelter Geschwindigkeit durchführte. Trotz des schummrigen Kneipenlichtes konnte sie schärfer sehen als je zuvor. Sie trank ihr Bier in einem Zug aus und bestellte sich sofort ein neues. Sie sprach lauter als sonst, es ging ihr nicht schnell genug. Als sie das neue Bier auch ausgetrunken hatte stand sie von ihrem Hocker auf, sie merkte dass sie wankte, doch sie ging hinaus. Die sonne stand hoch am Himmel und ihr fehlte jedes Zeitgefühl. Amélie schloss die Augen, um den gleißenden Sonnenstrahlen zu entgehen, doch öffnete sie sofort wieder, weil ihr schwindelig vom Alkohol wurde. Sie ging ein Paar Schritte zu einer Straßenlaterne und hielt sich an ihr fest. Einige Male atmete sie tief durch und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatte noch das Methaddict und dachte, dass sie das vielleicht wieder etwas runter bringen würde. Sie griff in ihre Tasche, holte eine der Tabletten hervor und schluckte sie runter. Dann ging sie weiter, bis sie an einen kleinen Park kam und sich dort auf eine Bank setzte. Ihre Glieder wurden Schwer, als das Methadon seine Wirkung entfaltete. Es war kalt geworden, doch Amélie fühlte sich als stünde sie in Flammen. Sie zog ihre Jacke aus und legte sie neben sich. Sie hatte großen Durst doch fühlte sich nicht in der Lage aufzustehen und zu laufen. Auch als ihr Körper rebellierte und sie sich erbrach, schaffte sie es nicht sich wenigstens nach vorne zu beugen. Als sie merkte, dass ihr T-Shirt nass wurde, merkte sie auch die Kälte. Sie Zitterte, doch schaffte es nicht sich die Jacke wieder anzuziehen. Die Sonne war mittlerweile fast untergegangen und noch immer saß sie regungslos da, den Kopf nach hinten geworfen, sah sie aus wie eine lebensgroße Puppe. Lediglich das Zittern verriet, dass sie lebte. Vor ihrem Mund stiegen kleine Dampfwolken auf. Mit jeden ihrer flachen Atemzüge eine weitere. Es war dunkel, als sie sich zur Seite fallen ließ, sich aus ihrer Jacke ein Kopfkissen baute und einschlief.

Es war eine Gruppe von Kindergartenkindern, die einen Ausflug machten, die sie am nächsten morgen antippten. Doch ihr steif gefrorener Körper zeigte keine Regung mehr.

M

Sie saß wie immer mit ihrer Freundin auf dem Parkhausdach. Wie immer nach der Schule, die für sie bald beendet sein würde, schließlich war sie schon fast 16. Es ging ihr nicht gut, denn es plagten sie mal wieder Erinnerungen. „weißt du noch, vor einem Jahr, als ich mit diesem alten Sack mitgegangen bin? Der mir Geld versprochen hatte, wenn ich lieb zu ihm bin?“ Ihre Freundin wusste es. Kannte jedes Detail dieses Abends, wie sie ihn in der kleinen Kneipe kennenlernte, er sie überredet hatte mitzukommen, kannte die schmerzen, die sie erlitten hatte als wären es ihre eigenen gewesen. Sie wusste, dass M einfach nur den Wunsch hatte geliebt zu werden und alles dafür tat, diese zu verwirklichen. Doch sie sagte nichts. M trank noch einen Schluck des Apfelkorns, den sie zu Hause ihrem Vater gestohlen hatte, der, mittlerweile wahrscheinlich schon wieder fernab von Gut und Böse, rotzevoll auf dem Sessel saß und ihr Mutter Beschimpfte und die, wie immer, alles über sich ergehen ließ. „Du kennst ihn doch. Eigentlich ist er ein guter Mensch.“ Das sagte sie Mantra artig immer und immer wieder und M konnte es nicht mehr hören. So wenig wie ihr Wimmern, nachdem er sie wieder mal verprügelt hatte. Oder Mutters Schreie. Oder die Stille, nachdem ihr Vater sie selbst mal wieder in ihrem Zimmer besucht hatte. All das erzählte sie ihrer Besten Freundin, die auch jetzt wieder wie immer bei ihr war. Und wie immer sagte diese Nichts dazu. Sie hörte es sich an und schwieg.
„Es ist jeden Tag immer das selbe,“, sagte M. „Ich wache morgens auf, mache meinem kleinen Bruder etwas zu essen, damit er nicht hungrig in die Schule muss, Räume Papas Flaschen auf, bilde mir ein Ich hätte die Schreie meiner Mutter letzte Nacht nicht gehört, nur um zu sehen, wie sie dann mit einem neuen blauen Auge oder einer neuen Platzwunde im Gesicht am morgen aus ihrem Schlafzimmer stolpert, höre ihn schnarchen und hoffe er wird erst wach wenn mein Bruder und ich weg sind.“
Schweigen. Ein weiterer Schluck. Mehr Schweigen.
M stand auf und blickte Über die Brüstung in die Tiefe. Sie wünschte sich so sehr einen Freund der sie an die Hand nehmen und sagen könnte „komm mit, scheißegal. Was besseres als keinen Ausweg finden wir auf jeden Fall!“ Doch da war niemand. Ihre beste Freundin Schwieg, war kaum da und kannte doch ihr ganzes leben, jede Sekunde, von Geburt an. M ging wieder zurück zu dem kleinen Mauervorsprung am Eingang des Treppenhauses auf dem sie immer saßen. Die sieben Stockwerke Stufen, die sie jeden Tag emporstieg, um bloß nicht so früh nach Hause zu müssen. Die sieben Stockwerke Wände, die schon lang nicht mehr weiß waren, der Turm aus Stufen, der nach Urin und Erbrochenem roch. Dieses Parkhaus, das von der Zivilisation aufgegeben und vergessen wurde. Unten die Junkies und hier oben sie, dazwischen die Nutten und Zuhälter. Jeder für sich und ganz allein. Sie warf die Leere Flasche eben jenes Treppenhaus hinunter und erfreute sich am Klirren des Glases, am Scheppern ein Stockwerk tiefer und am Meckern einer der Frauen, die sich bei ihrem Job gestört fühlte. M zündete sich eine Zigarette an und setzte sich wieder hin. „Scheiße! Mann ey! Jetzt sag doch mal irgendwas!“ schrie sie ihre Freundin an. Wieder endloses Schweigen. Sie stand auf und ging ein Paar Schritte in die Mitte des Parkdecks, wo schon lange keine Autos mehr standen. Nun sah sie die Mauern des ehemaligen Einkaufzentrums für welches dieses Parkhaus mal gebaut worden war, sah die eingeworfenen Fenster und den Halben Schriftzug aus großen, blauen Buchstaben. Kars. Sie erinnerte sich daran, wie sie als kleines Kind vor über zehn Jahren mit ihren Eltern dort einkaufen war. Alles war bunt und roch so gut. Damals. Als die Welt noch in Ordnung war. Ohne all den Rotz der sie nun umgab. Sie drehte sich um, sah das Dach des Treppenhauses und fragte sich ob die Antennen auf ihm wohl noch in Betrieb wären und ob sich hin und wieder mal ein Techniker hier hin verirrte um sie zu warten.
„Kannst du jetzt bitte einfach einmal für mich da sein?“, rief M ins nichts des Parkdecks und ihr begegnete das altbekannte Schweigen. Ihre Freundin war wieder Verschwunden in den Windungen ihrer Psyche und es schien nicht so als würd sie heut nochmal auftauchen. Ihr graute davor nach Hause zu gehen. Sie träumte davon zu verschwinden, davon sich mit Freunden treffen zu können, nicht mehr allein sein zu müssen. Dafür aber müsste sie auf Menschen zugehen, wovon sie wusste, dass sie es nicht tun würde. Zu leicht war es sich selbst zu bemitleiden, sich oder seiner Familie an allem die schuld zu geben. Sie drehte sich um sich selbst, sah den Horizont verschwimmen. Sie träumte sich aufzulösen, rannte hin und her, bis sie erschöpft auf dem Boden zusammen sank. Das rennen, die schwüle Hitze des Sommertages und der Apfelkorn verfehlten ihre Wirkung nicht. Ihr wurde schwindelig und sie übergab sich. Eine Pfütze halb verdauten Brotes, Magensäure und Korns bildete sich um ihren Kopf und immer weiter lief es ihr aus dem Mund, seitlich auf den warmen Beton auf dem sie sich zuckend krümmte. „Bleib bei mir,“ flüsterte sie der Schemenhaften Vorstellung ihrer Freundin zu „wenigstens dieses eine Mal.“
Sie richtete sich auf, der leichte Wind der aufkam blies ihr ihre verschmierten Haare ins Gesicht. So blieb sie einen Moment sitzen, bis sie schließlich aufstand und mit Anlauf über die Brüstung des Parkdecks in die Freiheit sprang.

Neuer Tag

Tote Gefühle in einsamer Nacht,
Kälte innen, aussen, überall,
aufblitzende Gedanken, messergleich,
schreie ohne Widerhall.
Will lachen,leben, reisen,
abgehen, durchdrehen,
doch bin gefangen in der Dunkelheit,
im Gefängnis meiner Seele.

Wie das ticken einer Uhr,
tropft die rote Flüssigkeit,
erlischt mein Lebenswille immer mehr,
komm ich nun zur ruhe?
Eine neuer Tag mit neuem Leid,
mit neuem Sonnenschein den ich nicht seh,
die Sterne sind erloschen,
ein neuer Tag voll alter Einsamkeit.

Ewigkeit

(Für Ela)

Voller Vorfreude denke ich,
denk an ein Wiedersehen,
denk ich an dich,
Luftsprünge vollzieht mein Herz.

Bleibt nur noch die Ewigkeit,
bis zu jenem Tag,
dem Tag bis wir uns sehen,
Stunden und Minuten die vergehen,
bringen mich zu dir.

Von Ewigkeit zu Ewigkeit,
der Ewigkeit des Wartens,
zur Ewigkeit des Lebens.
Beides endliche Ewigkeiten,
gegenüber unendlicher Liebe zu dir.

Die Kraft der Liebe

Er war der glücklichste Mensch auf der Welt in jenem Moment. Seine große Liebe würde zu ihm kommen, er würde Zeit mit ihr verbringen können, das Leben neu genießen. Es dauerte nicht mehr lange bis sie eintreffen würde und er freute sich wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Schließlich war es soweit und er rief sie an, doch sagte sie ihm dass sie schon länger in der Stadt war. Er fühlte sich hintergangen und war enttäuscht, sie hätte sich wenigstens melden können dachte er. Sogleich fühlte er jedoch neuen Mut, denn sie war da. Er würde sie sehen, riechen, fühlen können. Doch als er sie nach einem Treffen fragte meinte sie nur dass sie Ruhe bräuchte, ihn nicht sehen wollte.
Wieder fühlte er sich niedergeschlagen und allein.
Es vergingen einige Tage in denen er nichts von ihr hörte, er machte sich Vorwürfe, Zweifelte an sich selbst und immer wieder an der Liebe, die er offensichtlich mal wieder bedenkenlos verschenkt hatte obwohl er es eigentlich besser hätte wissen müsste aufgrund der vergangenen Enttäuschungen die ihm widerfahren waren. Doch dann meldete sie sich doch noch und er war wieder überglücklich, vergaß was war und freute sich über die wenigen Augenblicke mit ihr. Es waren in einigen Wochen nur wenige Stunden die sie gemeinsam verbrachten, doch genoß er sie und es fühlte sich für ihn an wie eine Ewigkeit. Doch wollte er schließlich mehr. Mehr als nur ein flüchtiges Sehen. Mehr als zufällige Begegnungen. Er wollte mit ihr allein sein, ohne andere Menschen die dabei waren. Er wollte Zweisamkeit, wie es sie gab bevor sie gekommen war. So wie es war als sie sich selten sahen aufgrund der Entfernung. Er schrieb ihr Briefe, rief sie an doch alles was er hörte war dass sie ihn liebte, aber er sie doch bitte in Ruhe lassen sollte. Sie brauchte Ruhe für sich, Zeit sich um den Haushalt zu kümmern und andere Dinge. Er verstand sie nicht, hatte sie doch gesagt sie wäre wegen ihm hergekommen und nun war alles wichtiger als er. Er fühlte sich einsam und verlassen denn er stellte sich unter Liebe und Beziehung etwas anderes vor. Immer häufiger ging er in die Bar wenn sie wiedereinmal nichts mit ihm zu tun haben wollte, irgendwelche gründe vorschub, weswegen sie ihn nicht sehen könnte.
Eines abends ging er wieder in die Kneipe mit dem Vorsatz sich zu betrinken und sah sie mit einer Freundin dort sitzen. Zuvor sagte sie noch sie habe keine Zeit für ihn, denn sie müsse früh aufstehen und deswegen zeitig ins Bett gehen. Wieder fühlte er sich zutiefst verraten. Er wollte mit ihr reden, doch sie zeigte wenig interesse an ihm. Schließlich verließ er den Laden und ging nach Hause. Er wusste nicht was er falsch gemacht haben könnte, was passiert sein könnte sodass sie ihn so verletzte. So sehr er auch nachdachte kam er zu keinem Schluss. Was war nur los? Es ging ihm schlecht und sie und ihre Nähe könnten ihm helfen all die schlehcten Dinge zu vergessen, das Leben positiv zu sehen. Immer wieder blieb er die Nächte draussen, tat alles um die Umwelt nicht ertragen zu müssen. Er schrieb ihr, rief sie an, versuchte alles bei ihr sein zu können doch immer wieder die gleiche Antwort: „Lass mich in ruhe, du nervst mich. Wenn dir was an unserer Beziehung liegt, dann halt dich aus meinem Leben raus!“
Er versuchte es die Gefühle zu ignorieren doch war er zu tief verletzt. Er versuchte sie zu ignorieren, ihr nicht zu schreiben, sie nicht anzurufen oder dergleichen doch es ging nicht. Er konnte nicht ohne sie leben, dafür liebte er sie zu sehr. Alles was er sich gewünscht hatte war eine glückliche Zukunft mit ihr doch offenbar war das nicht möglich. Eines Tages kam es dann wie es kommen musste und sie verlies ihn. Sie lachte ihm ins Gesicht, meinte er solle sich nicht so anstellen und machte zynische Bemerkungen über seinen Zustand. Diesen eiskalten Blick in ihren Augen würde er nie vergessen können dachte er bei sich. Es ging einfach nicht mehr weiter für ihn, er fühlte sich einsam wie alleine auf dem Mars ausgesetzt.
Als er in den Fahrstuhl stieg wusste er dass er das richtige tat. Oben auf dem Dach angekommen zündete er sich eine Zigarette an und stellte sich an die Brüstung. Er sah in den Himmel, sah die Unendlichkeit des Weltalls, all die Millionen von Sternen. Tränen liefen ihm übers Gesicht doch er wusste was zu tun war. Einen Letzten Zug nahm er aus der Kippe und schnippte sie vom Dach. Er beobachtete ihren Fall runter zum Licht der Straße bis er sie nicht mehr erkennen konnte. Schließlich kletterte er über das Geländer und ließ sich fallen. Während er fiel wusste er dass sie ihn nicht vermissen würde.

Lebendig begraben

Ich sehe meinen Herzschlag,
– doch fühle ihn nicht,
Ich sehe die Schnitte in der Haut,
– doch fühle sie nicht,
Ich sehe wie sich die Glut in meine Haut bohrt,
– doch fühle es nicht,
Ich schmecke mein Blut,
– doch fühle keinen Schmerz.

Ich fühle nichts,
nicht mich, keinen Schmerz, kein Glück,
einfach nichts.
Wie tot und doch lebendig,
lebendig begraben in mir.

Verdammt….

verdammt…

der mond versucht zu brennen,
durchscheinend vom blauen himmel,
gleiche einem blassblauen diamanten.

die sonne erhellt die klippe,
taucht sie in ein warmes blutrot,
erinnert an all die toten…

der himmel verfärbt sich violett,
dann dunkelrot,
zeigt der welt,
‚egal was passiert, ich bin da!‘

es dreht sich alles weiter.,
doch wozu weiterleben?

Stahlgewitter

Stahlgewitter

Ohrenbetäubendes schreien des Krieges,
des Krieges meiner Gedanken.
Stahlgewitter hinter meiner Stirn,
Verdun 1916.

Überleben auf hohem Niveau,
auf der Grenze zum Tod.
Gewinne ich?
Gewinnen die Gedanken?

Unerbittliche Schlachten im Kopf,
wie lange noch?
Todessehnsucht contra Lebenslust,
wohin treibt es mich am Ende?

Betäuben ist gut,
Sterben besser,
doch keine weiße Fahne zur Hand
und keine Lust sovieles nicht zu erleben.

Der Punk

Klaus Dieter und der Punk

Es betrug sich, dass Klaus Dieter einmal in die Stadt ging um einzukaufen. Er fuhr mit der U-Bahn weil er Angst hatte dass ihm sein Auto gestohlen oder zerstört würde. Man hörte und laß ja schließlich die wildesten Geschichten aus der Stadt. Also machte er sich aus seinem gemütlichen Randbezirk auf in die Innenstadt. Als er so in der Bahn saß, hatte er schon ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und wusste instinktiv dass es ein Fehler war losgefahren zu sein. Er mochte die Vorstellung nicht in der Stadt auf Vandalen, Obdachlose und anderes Gesindel zu treffen, doch musste er in ein Spezialgeschäft welches es eben nur dort gab. Augen zu und durch dachte er sich und hoffte ihm würde nichts passieren. Er war froh dass er fast alleine in der Bahn saß und so eine eigene Sitzgruppe für sich hatte. Er mochte nicht neben anderen Leuten sitzen die er nicht kannte. In seiner Vorstellung waren all diese Leute asozial und böse. Weshalb sonst wohnten sie in der Stadt und fuhren mit der U-Bahn? Doch je weiter er in die Stadt reinfuhr, desto voller wurde auch die Bahn.
An einer Haltestelle an welcher er niemals aussteigen würde, öffnete sich die Tür und ein junger Mann mit Lederjacke und grünen Haaren betrat seinen Wagon. Zu allem Überfluß setzte er sich auch noch neben Klaus Dieter obwohl andere Plätze frei waren. All jenes geschah aus reiner Boshaftigkeit überlegte sich Klaus Dieter, denn sonst würde dieses Subjekt sich ja einen anderen Platz gesucht haben. Er malte sich aus was alles passieren könnte, schließlich hatte er in einer großen Boulevardzeitung gelesen, dass diese Sorte Mensch nur darauf aus sei, rechtschaffende Bürger auszurauben, zu verprügeln und auf Bahngleise zu schubsen. Keinen anderen Sinn im Leben sahen doch diese Krawallbrüder als anderen das Leben schwer zu machen. Er konnte schon diesen dämonischen Blick in den Augen des jungen Punks sehen, reine Mordlust konnte er ausmachen. Plötzlich drehte sich jener zu Klaus Dieter und sprach ihn an: „Entschuldigen sie bitte, ich bin grade erst in diese Stadt gezogen und kenne mich noch nicht so gut aus. Wissen sie zufällig wie ich am schnellsten zu Universität komme?“, Klaus Dieter stockte der Atem. Wieso wagte es dieser Mensch nun auch noch ihn anzusprechen? Und dazu noch eine solche Frage in absolut perfektem Deutsch? Ihm stockte der Atem und stammelte etwas wie: „Äh… keine Ahnung… Weiß nich…“, „Ok, trotzdem vielen Dank und einen schönen Tag ihnen noch.“, kam die Antwort. Dann stieg der Punk aus und Klaus Dieter war wieder sich selbst und seinen Gedanken überlassen.
Er verstand noch nicht so ganz was grad passiert war und war überfordert mit ich und allem um ihn herum. Sollte er etwa die ganze Zeit Vorurteile gehabt haben? Nein das konnte nicht sein, denn sonst würde die Geschichten ja nicht in der Zeitung stehen. Er begnügte sich schließlich mit dem Schluss, dass dies eine Ausnahme gewesen war, vielleicht sogar etwas wie versteckte Kamera oder so. Auf jeden fall irgendwas was so in der Realität nicht vorkommen konnte, durfte. Mit so wieder zurecht gerücktem Weltbild fuhr er einkaufen und, entgegen aller Gewohnheiten, mit dem Taxi wieder nach Hause.